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Wasserballett auf dem Müggelsee

Der Antrieb gilt als Sensation des Jahres: Ein joystickgesteuerter Motor, der das damit ausgerüstete Sportboot gradgenau in jede Richtung manövriert.
Der Antrieb gilt als Sensation des Jahres: Ein joystickgesteuerter Motor, der das damit ausgerüstete Sportboot gradgenau in jede Richtung manövriert. Ob quer, vorwärts/rückwärts oder diagonal. "Inbord Performance System" (IPS) heißt dieses neue System von Volvo, das auf der Kraft von zwei ziehenden Propellern beruht. Diese Art der Fortbewegung auf dem Wasser hat es bisher noch nicht gegeben.
Wir haben das Aggregat in der Galeon 390 Fly auf dem Müggelsee im Südosten von Berlin getestet. Es ist zunächst kaum mehr als ein tiefes, sattes Brummen, fast noch übertönt durch Blubbern der Luftblasen unter dem mächtigen Schiffsrumpf: Die 3,74 Meter breite Yacht aus der polnischen Nobelwerft PPHU Galeon aus Straszyn bei Danzig schiebt sich aus ihrem nur zehn Zentimeter breiteren Stand im Yachthafen des Wassersportzentrums Berlin in Köpenick. Millimetergenau navigiert der Skipper das 39-Fuß-Schiff (11,76 Meter lang) an den Festmacherdalben vorbei und rückwärts aus dem Hafenbecken hinaus. Während der Marschfahrt von 10 km/h, die auf der Müggelspree zugelassen sind, sind die zwei mal 310 PS-Volvo-Penta-Motoren mit IPS-Antrieb fast überhaupt nicht wahrnehmbar. Draußen, auf dem Müggelsee, trotz der nur leichten Winde, ist der sonore Klang der beiden Sechszylinder weniger laut als das Klatschen des Bootskörpers auf die flachen Wellen. Der Skipper gibt Vollgas und das hausgroße Motorschiff wird innerhalb von 100 Metern in Gleitfahrt versetzt. Jetzt rauschen wir mit 58 km/h über den Müggelsee.
Innovationen im Bootsbau sind jedes Jahr die Höhepunkte der Messen. Diese aber, die wir hier soeben fahren, gilt schon mit dem ersten Schiff, in das sie eingebaut wurde, als eine Sensation: Das IPS-System kombiniert die Vorteile des (starren) Z-Antriebs und des Saildrive, spart 25 Prozent Kraftstoff, erhöht den Wirkungsgrad der Motoren. Von den zwei mal 310 PS im Motor kommen zwei mal 288 PS an der Schraube an. Das Beste aber: Auch ohne Bug- und/oder Heckstrahlruder lässt sich das Sportboot in quasi jede Richtung bewegen: Vor- wie rückwärts, seitwärts, aber eben auch in jede Diagonale. Die IPS-400-Maschinen treiben die ziehenden Propellerpaare an, die die jeweils 217 kW ins Wasser bringen. Damit wird ein Vortrieb, den man in diesem Fall Vorzug nennen kann, von knapp 6 kn (mal 1,852 = km/h) schon bei 1000 U/min, fast 10 kn bei 2000 U/min und bereits 25 kn bei 3000 U/min. voll beladen und dann gut elf Tonnen schwer zum Kinderspiel, wie wir selbst messen konnten. Bei 32 kn Fahrt oder 58,5 km/h ist Schluss. Vollast. Selbst jetzt noch ist das Motorgeräusch leiser als die Schläge der robusten GFK-Schale aufs Wasser.
Es ist ein ruhiger Tag auf dem Müggelsee: Bei Top-Speed und zwei Motoren, die elf Tonnen samt Besatzung im Flüsterton über den See peitschen, legen wir das Steuerrad nach links um. Nach dreieinhalb Vollkreisen sind wir am Anschlag und der hochseetüchtige Koloss legt sich mit bis zu 25 Grad Krängung auf seine Backbord-Seite. Zieht seine Kreise immer enger. Bald klatscht der Rumpf in die eigene Hecksee, die sich in der Mitte des knapp 50 Meter messenden Vollkreises wie das Rauwasser im Bodden bei Starkwind aufsteilt. Doch von ihrem Komfort verliert die Fahrt nichts. Der strömungsgünstige Bug schneidet sanft ins Wasser, die Schrauben belüften das wintergraue Nass des Südens. Ruder hart steuerbord und Fahrt rechtsherum: Nein, dieses Schiff hat keine "schöne" und keine "weniger schöne" Seite, nach beiden zieht sich der Vollkreis unter Vollast gleich eng. Wir haben vom Joystick auf die Motor-Gashebel umgeschaltet. Das erleichtert das abrupte Aufstoppen.
Dabei steht das schwere Schiff so schnell, dass man Mitreisende vorher warnen sollte. Und wer auf der Badeplattform oder auf dem Heck Platz nimmt, sollte Gummistiefel tragen. Denn die von hinten anrollende See des Kielwassers flutet im nu das edle Teakdeck, das den Motorraum schützt.
Hinein kommt trotzdem nichts. Der Motorraum ebenso wie die geschlossene Kajüte bleiben fußtrocken. Das beruhigt. Der Einstieg der Hecksee ins Achterschiff wäre sonst ein konstruktiver Mangel. Zwischendurch: Aufwärmen im edlen Interieur der polnischen Luxusyacht, die keinen Vergleich mit Nobelwerften aus England, Frankreich, Skandinavien oder den USA in dieser Klasse scheuen muss. Ein Test steht noch aus: Kann man mit dem Joystick das Schiff tatsächlich auch bei Seitenwind in jede Richtung und mit jeder Drehung übers Wasser führen? Ein Knopfdruck auf die wasserdichte Joystick-Kinematik - und von den Motor-Krafthebeln wird der Vortrieb weg, hin zum joystickgesteuerten IPS-Modus geführt. Den Stick nach links geschoben - das Schiff fährt nach links. Und zwar so wie andere, die mit Bug und Heckstrahlruder zugleich getrieben werden, nur viel eleganter, auch leiser, weil eben sehr vornehm gezogen. Drehung und Vollkreis bei gegenläufig eingestellter Zugkraft der Schrauben: 13 Tonnen Luxus drehen sich wie eine Ballerina. Diagonal vor- oder rückwärts. Kein Zweifel: Mit diesem Antrieb kann der gewiefte und übrigens auch schnell trainierte Skipper jede Richtung ansteuern, gleichgültig ob mit, ohne oder auch gegen den Wind (siehe Grafiken Mitte links). Unter Deck schauen wir uns das Alcantara, die Echthölzer, die umfangreiche Elektronik und die Sicherheitstechnik an, all den Luxus, den der genießt, der ab 307.000 Euro für die 11,70 Meter lange Edelyacht aus der von Wieczyslaw Kobylko geleiteten PPHU-Werft auf den Tisch blättert. Wir sind auf Marschfahrt zurück in den Hafen. Der Motor ist nicht zu hören.

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