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Sparmeister unter der Haube

Von Norbert Gisder 1. Juni 2002, 00:00 Uhr

Der neue 1,6-Liter-FSI-Motor von Volkswagen in einem ersten Fahrtest im Golf

Ein völlig neu entwickelter Motor im Bestseller von VW - das scheint sozusagen ein Blankoscheck auf weitere Erfolge der Wolfsburger. 1,6 Liter Volumen, 110 PS (91 kW) stark und trotzdem nicht mehr so durstig, heißt das Versprechen: Mit 10 Prozent weniger Benzin will der fünf Prozent stärkere Golf mit der "Fuel Stratified Injection"-Technik (FSI) trotzdem "nur" 6,2 Liter nach EU-Norm im Drittelmix verbrauchen - und außerdem auch noch EU4 erfüllen. Wir haben das Auto getestet.

Die Überraschung vorweg: Wenn man mit kaltem Motor aus niedrigen Drehzahlen heraus beschleunigen will, ruckelt das Auto schon mal. Es will getreten werden. Wer schaltfreudig arbeitet und den 1,6-Liter-Motor schön auf Touren hält, hat Erfolg. Mit einer gewaltigen Beschleunigung schießt das Aggregat mit der Kraft der vier Kerzen das Auto mit der souveränen Straßenlage und den bekannten Eigenschaften über die Piste. Der Stürmer rennt auf freier Strecke so rasch voran, dass man meint, es werde kein Halten mehr geben - bis Tempo 210 fast verzögerungsfrei.

Der zweite Nasenstüber: Der Motor dröhnt, man hört Fahrtwind und das Abrollgeräusch der Reifen. Ab 160 so laut, dass man schon ein echter Freak des Sound-Engineering sein muss, um das noch zu mögen. Kommunikation wird zur Konzentrationssache.

Nun ist das nicht allzu verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Motörchen eben nur 1,6 Liter hat. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, warum man ein so kleinvolumiges Modell so schnell macht, wenn die Geschwindigkeit dann doch nur Kopfschmerzen bereitet.

Technologiefreunde sehen das positiv: Es gibt noch Potenzial für die Ingenieure und Entwickler. Denn wer etwas anderes erwartet hatte, hat wohl die Komplexität der neuen Technik unterschätzt.

Die Japaner haben uns seit Jahren den Trick mit der Benzindirekteinspritzung vorgemacht. Dass derartige Aggregate bei mehr Leistung und Drehmoment einen Verbrauchsvorteil von mehr als 10 Prozent versprechen, rief die Europäer auf den Plan. Lange Zeit galt die mangelnde Verbreitung von schwefelfreiem Benzin als Hindernis für die neue Technologie: Die Motoren benötigen einen speziellen Katalysator, der nur mit besonders reinem Treibstoff wirklich gut funktioniert. Doch seit zumindest Superplus ohne Schwefel angeboten wird, hat die neue Motorengeneration ihre Chance. VW arbeitet übrigens mit einem Speicherkat, für den Toyota die Patente hält - und das schon von Anfang an.

Tatsächlich haben die Wolfsburger bereits Ende 2000 mit dem 105 PS starken Lupo FSI einen Kleinwagen auf den Markt gebracht, der mit einem Verbrauch von 4,9 Litern als genügsam gilt. Der Erfolg des kleinen Wolfs aus der Golfsburg ermunterte die Entwickler: Golf und Bora sollen nun den Beweis für die Großserienreife der FSI-Technik antreten. Ab 16 900 Euro (im Golf) beziehungsweise 19 525 Euro (im Bora) gibt es den 1,6-Liter-Motor. Mit der Kraftstoffersparnis sinken die Emissionen, was direkt zur steuergünstigen EU4-Norm führt. Ab sofort kann auch der Polo als Benzin-Direkteinspritzer mit einem 1,4 Liter-Motor mit 86 PS bestellt werden.

Wenn man nun auf die Konzerntöchter schaut, scheint der Weg in die Zukunft endgültig abgesichert: Bereits von Juni an will Audi die FSI-Technik für 18 750 Euro im A2 1.6 FSI anbieten - und weil der wegen der Alu-Karosserie wesentlich leichtere Kleinwagen mit dem Motor aus dem Golf nur noch 5,9 Liter Kraftstoff zu verbrauchen verspricht, wird auch dieser Erfolg schon gefeiert: Tempi bis 202 km/h werden versprochen - ein Sportzwerg scheint geboren, der alles gibt und kaum etwas will.

Auch der erste Audi A4 FSI steht schon auf der Rampe: Mit einem neuen Motor, 110 kW (150 PS) und 200 Newtonmeter Drehmoment soll die Limousine in nur 9,6 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen, 218 km/h schnell sein und mit 7,1 Liter Super Plus auskommen. Dieses Auto bleibt also ebenfalls unter den Grenzen der EU-4-Norm - was für seine Besitzer eine Ersparnis der Kfz-Steuer von bis zu 307 Euro bedeutet.

Die Praxis: Unser Test-Golf verbrauchte zwar bei absolut bewegungs- und schwerelosem Gasfuß und konstant Tempo 90 auf der Autobahn tatsächlich nur 5,3 Liter (laut Anzeige des Bordcomputers nach 38 lustlosen Kilometern Fahrt). Im Mix von Stadt, Land und Autobahn sind es aber deutlich 6,8 bis 7 Liter. Bei flotter Autobahnfahrt zwischen 160 und 190 km/h gar 9,3 Liter (Bordcomputer), in der Stadt bei verkehrsgerechter Fahrweise gut und gern 8 Liter.

Das ist schade, aber nicht ganz uneinsehbar, betrachtet man die überaus komplizierten Vorgänge im Motormanagement mit dem luftverwirbelten Spritgemisch einmal ganz genau (siehe nebenstehender Kasten).Außerdem muss man dem 1.6 FSI im Golf zu Gute halten, dass es noch nie eine vergleichbar neuartige Motorengeneration gegeben hat, die vom ersten Tag an die in sie gesetzten Erwartungen zu 100 Prozent erfüllte. Für VW heißt das: Zupacken. Jetzt muss das perfektioniert werden, was in der Theorie nach einer neuen Klasse klingt. Der Bestseller wird nur so wieder ein echter Volks-Wagen.

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